minidrama 4, Zukunftsvisionen

Minimärchen 4              Zukunftsvisionen

O: Oma      E: ihr Enkel

Eine Wohnküche alten Stils, mit einer Eckbank, einem Tisch und Stühlen. Oma steht und rührt in einem Weitling herum. Enkel sitzt.

O: Kommst ja bald aus der Pflichtschule. Was willst du denn einmal werden?

E: Tja. Das weiß ich noch nicht so genau. Unser Coach sagt, man sollte mal die eigenen Talente und Neigungen ins Visier nehmen.

O: Neigung ist bei dir normal.

E: Oma, das heißt heute nicht mehr normal. Das heißt hetero. Und angesichts der verrückten Weiber in meiner näxten Umwelt, weiß ich noch nicht, ob ich mich wirklich gänzlich für meine Neigung entscheide. Wer will denn schon mit all den „me too Tanten“ im Bett liegen.

O: Werd erst mal was, ehe du, mit wem auch immer – Tante oder Onkel – im Bett liegst. Was sind deine Talente?

E: In der Schule bin ich der Clown. Ich bring immer alle zum Lachen, außer den Lehrerinnen und den paar Streberinnen.

O: Genderst du jetzt mit Absicht oder meinst du das?

E: Ja, ich mein‘s. Ich habe nur weibliche Lehrer und in meiner Klasse sind die einzigen Streber auch weiblich. Also…?

O: Und andere Talente?

E: Hm.

O:Was? Hm.

E: Na, mir fällt beim besten Willen sonst nix ein. Alles andere ist durchschnittlich bei mir. Außer der Frisur. Die ist steil.

O: Ja, im wahrsten Sinne des Wortes.

E: Also, Leute zum Lachen bringen. Das ist mein Talent.

O: O je. Da seh ich schwarz für dich. Genaugenommen, nicht nur schwarz, sondern zappenduster ist‘s in deiner Zukunft.

E: Gibt’s denn keine Berufe, bei denen man Leute bei guter Laune hält?

O: Doch. Zum Beispiel „die roten Nasen“. Aber das ist freiwillig. Kein Geld.

E: Oder Satiriker, wie Böhmermann.

O: Ich dachte, du hast gesagt, du bist lustig?

E: Ok, ok. Böhmermann ist nicht lustig, aber er kriegt viel Geld.

O: Ja und die meisten halten ihn für einen Blödmann. Willst du das für viel Geld?

E: Nein, du hast Recht. Das will ich nicht wirklich. Nur wenn ich nicht lustig genug wär, dann käme mir auch ein Böhmermann sein, gut genug vor. Für‘s Geld jedenfalls…

O: Pass mal auf! Da fällt mir eben etwas ein.

E: Ja, Oma?

O: Unterbrich mich nicht. Ich muss überlegen. (Omas Augen werden zu Schlitze, die äußerster intensiver Überlegung folgen, während sie weiterspricht). Es ist schon ziemlich ein Weilchen her, da las ich ein Buch über Indianer. So eine Art Saga war das. Da kam der Beruf eines Clowns vor. Wie nannte man den noch mal? Lass mich nachdenken…..

E: Oma, da googlen wir doch heutzutage. Welcher Indianerstamm?

O: Lakota.

E: Clown der Lakotas. – Da ist es schon: Heyoka, heißt das.

O:Genau. jetzt, wo du es sagst.

E: Und? Wie sieht mein Berufsbild als Heyoka, deiner Meinung nach, aus?

O: Du müsstest das Gegenteil von dem tun, was den Leuten Sorgen oder Mühe macht.

E: Wie, wann, wo, was? Welches Gegenteil?

O: Nun, wenn den Leuten im Winter in ihren Wohnungen zu kalt ist, weil die Regierung die Zentralheizungstemperaturen z.B. nur auf 12 Grad einschaltet, damit wir Energie sparen für die Energiewende, dann würdest du medial als Heyoka auftreten, indem du dich in der Badehose präsentierst und über die unendliche Hitze lamentierst.

E: Und weiter?

O: Und wenn wir nur einmal im Monat, immer am Ultimo, damit man sich das ganze Monat drauf freuen kann, Schnitzel kriegen und die Leute drüber jammern, dann müsstest du ständig medial Salatblätter wie Schnitzel mit Messer und Gabel essen und sagen, wie tooooll das schmeckt und wie glücklich dich das grüne Schnitzel auf deinem Teller macht.

E: Ich habs kapiert. Der Heyoka hält die Leute bei Laune, damit sie über ihr bescheuertes Leben lachen, statt sich zu einer erneuten Französischen Revolution zu formieren.

O: Französische Revolution kennst du also. Musst ja doch mal aufgepasst haben in der Schule. Aber du hast Recht. So könnte man das auch sagen. Jedenfalls ist das ein echter Job. Den müsste man forcieren, denn ich glaub, wir werden bald viele Heyokas brauchen, damit unsere Moral nicht zusammenbricht.

E: Und meinst du, man hat damit Aufstiegschancen?

O:Aber natürlich! Wenn du als Heyoka ins Burnout kommst, dann kannst du noch immer Politiker werden. Machen auch immer das Gegenteil von dem, was das Volk braucht und sind hin und wieder sogar zum Lachen.

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